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Das ABC der Kinderphysiotherapie

Heute starte ich mit einer Beitragsreihe, um dir damit wieder ein bisschen Einblick in meine Arbeit zu geben und was mir dabei wichtig ist.

A wie Abfolge (der Entwicklungsschritte)

Wirklich wichtig bei den Entwicklungsschritten im ersten Lebensjahr ist die Reihenfolge und Qualität der einzelnen Entwicklungsschritte, nicht der Lebensmonat, in dem sie erstmals stattfinden.

 

Das ist deshalb so wichtig, weil die Schritte aufeinander aufbauen – der eine bildet die Grundlage für den nächsten. So muss dein Baby z. B. erst in den Vierfüßlerstand oder die Gartenzwergposition kommen, um sich selber hinsetzen zu können.

Alles, was dein Baby alleine und von sich aus macht, ist gut, elterliche Eingriffe hingegen mindern die Qualität. Wenn dein Baby sich schnell entwickelt, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich gut und richtig entwickelt. Qualität geht immer vor.

 

Wenn ihr mehr Infos zum Thema Entwicklung im ersten Lebensjahr sucht, dann findet ihr die in meinem Blogartikel: "Babys erstes Jahr - immer schön der Reihe nach"

B wie barfuß

C wie Chancen (in der Kinderphysiotherapie)

🍀 Prävention von Haltungsschäden in Form von Vorträgen oder Elternberatung
🍀 Aufklärung über schädigende Babygeräte (z. B. Gehfrei, Wippe oder Spielebogen)
🍀 frühzeitige Behandlung von Auffälligkeiten bei Babys (z. B. Vorzugshaltungen bei Babys, Schreibabys oder Babys mit Schlafstörungen)
🍀 frühzeitige Behandlung von Haltungsproblemen (z. B. bei Skoliose)
🍀 Entlastung der Eltern im Alltag (z. B. bei "hyperaktiven" Kinder oder Kindern, die sich sehr schlecht konzentrieren können)
🍀 Behandlung von Kindern mit neurologischen Auffälligkeiten, um ihnen einen guten Start ins Leben und eine bestmögliche Selbstständigkeit im Alltag zu ermöglichen
🍀 Steigerung der Lebensqualität

D - wie Dehnen (nach Schroth)

Über die Sinnhaftigkeit von Dehnen gibt es ja verschiedene Meinungen.

 

Ich spreche heute von den Dehnlagerungen, die im Zusammenhang mit der Schroth-Therapie zum Einsatz kommen.
Mit der Schroth-Therapie behandelt man skoliotischen Fehlhaltungen der Wirbelsäule. Sehr viele Kinder haben diese Fehlhaltung der Wirbelsäule, die meist bei einer Schuluntersuchung entdeckt wird. Je nachdem, wie weit die skoliotische Fehlhaltung schon fortgeschritten ist, ist eine frühzeitige Behandlung sinnvoll, um Spätfolgen und Verschlechterungen zu vermeiden.
Neben den klassischen Übungen gibt es eben auch die Dehnlagerungen, bei denen meist Hilfsmittel zur Anwendung kommen.
Die Kinder empfinden das oft als sehr entspannend und machen es auch gern zu Hause 😉

E wie Einfühlungsvermögen

Einfühlungsvermögen ist der allgemeinsprachliche Begriff für Empathie. Und empathisch zu sein bedeutet, dass man fähig und bereit ist, sich in die Lage seines Gegenübers hineinzuversetzen und die Gefühle des anderen wahrzunehmen.

Die Basis für die Empathie eines Menschen ist dessen Selbstwahrnehmung. Wenn man sich selbst kennt, erkennt man auch die innere Verfassung anderer Menschen.

Mit Bewegung und Körperarbeit lernt man sich und seinen Körper besser wahrzunehmen und somit zukünftig auch besser im Außen zu agieren und reagieren.

 

In der Kinderpsychologie wird davon ausgegangen, dass Kinder erst mit ca. 2 Jahren eine bewusste Empathie entwickeln – das geht meist einher mit der Selbsterkennung im Spiegel.

Ich persönlich denke, dass das auch schon früher möglich ist, denn auch Babys und Kleinkinder reagieren schon sehr sensibel auf verschiedene Stimmungen in ihrer Umgebung.

Ich erkenne auch immer wieder, wie wichtig es ist empathisch und aufmerksam zu sein, denn nur so ist eine gute und nachhaltige Behandlung möglich. Alle Beteiligten sollen sich wohlfühlen.

 

„Empathie bedeutet:

mit den Augen des Anderen zu sehen.

mit den Ohren des Anderen zu hören.

mit dem Herzen des Anderen zu fühlen.“

(unbekannt)

F wie Füße

Dafür, dass uns unsere Füße durchs Leben tragen, schenken wir ihnen oft viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Dieses Konstrukt aus 26 Knochen (immerhin ein Viertel der Knochen des menschlichen Körpers) ist über 33 Gelenke miteinander verbunden, wird von 20 Muskeln und 114 Bändern stabilisiert und in Bewegung gehalten. Der Fuß bildet die Basis für unsere Haltung und Aufrichtung.

Oft wundern sich die Eltern, warum ich an den Füßen ihrer Kinder arbeite, obwohl die Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen haben.

Die Füße hängen eng mit den Hüften zusammen und Dysbalancen und Bewegungseinschränkungen in beiden Bereichen haben weitreichende Auswirkungen: deshalb sind für mich die Hüften ein wichtiger Faktor bei der Befunderhebung – vor allem auch bei Fußfehlstellungen.
Mögliche Fußfehlbildungen im Säuglingsalter sind der Sichelfuß, Klumpfuß oder der Plattfuß. Um einen echten von einem entwicklungsbedingten Plattfuß zu unterscheiden, braucht man das Kind nur auf die Zehenspitzen stellen zu lassen – bei einem gesunden Fuß sollte man dann das Fußgewölbe sehen können.

Hast du gewusst, dass man einen Fuß bei dem die zweite Zehe größer ist als die Großzehe als griechischen 🇬🇷 Fuß bezeichnet? 😝

🌟Tipp:
Wenn du den Füßen deiner Kinder Gutes tun willst, dann lass sie viel barfuß gehen oder ziehe ihnen Schuhe an, die dem Barfußgehen sehr nahekommen.

G wie Geburtstrauma

Ich höre in meiner Arbeit mit den Kindern oft abenteuerliche Geburtsgeschichten: angefangen von sehr rasanten Geburten über Saugglocken- oder Zangengeburten bis hin zum Notkaiserschnitt, weil z.B. die Nabelschnur um den Hals des Babys gewickelt war. Man kann jetzt darüber diskutieren, ob Hilfsmittel, wie z.B. die Saugglocke oft zu schnell eingesetzt werden, auch wenn sie vielleicht gar nicht unbedingt nötig wären. Aber jede Mama ist wahrscheinlich froh, wenn das Baby gesund zur Welt kommt – was auch immer es dafür braucht.

 

🌟Es geht mir auch mehr darum aufzuzeigen, dass ich es sehr wichtig finde, ein Baby nach einer schweren Geburt mal von einer Kindertherapeutin anschauen zu lassen. Vor allem, wenn sich Anpassungsschwierigkeiten zeigen, wie z.B. übermäßiges Schreien, schlechtes Einschlafen, Überempfindlichkeiten oder extreme Überstreckung des Kopfes oder des ganzen Körpers.

 

Als Geburtstrauma bezeichnet man sowohl physische als auch psychische Beeinträchtigungen des Babys, die in Folge des Geburtsvorgangs auftreten. Dabei gibt es eben die offensichtlichen Ursachen in Form von Saugglocke, Geburtszange, Beckenendlage oder Notkaiserschnitt und es gibt nicht-so offensichtliche Gründe wie eine überstürzte Geburt, eine sehr lange Geburt oder Geburtseinleitung.

 

Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn die Mamas mit ihren Babys frühzeitig zu mir kommen. Oft braucht es nur ein/ zwei Behandlungen und ein paar hilfreiche Tipps für zu Hause, um besser auf das Baby und seine individuellen Bedürfnisse eingehen zu können.
Es kommen aber auch oft Mamas zu mir, die schon lange leiden, z.B. unter den Einschlafproblemen ihrer Kinder. Und auch ihnen kann geholfen werden! Es ist nie zu spät für ein entspanntes Kind-sein 😉

H wie Hyperaktivität

Hyperaktivität ist eine starke körperliche Unruhe und gilt als ein Kernsymptom von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Hyperaktivitätssyndrom). Es zeigt sich ein übersteigerter Bewegungsdrang, und das still sitzen fällt den betroffenen Kindern extrem schwer.
ADHS ist eine klinische Diagnose, ABER es gibt nach wie vor keinen verlässlichen ADHS-Test. Oft zeigen sich auch TICs, Zwangsstörungen, Schlafstörungen, Selbstwertstörungen, Angststörungen, Teilleistungsschwäche und/ oder eine Störung des Sozialverhaltens. Jungs sind weit häufiger betroffen als Mädchen, obwohl es da sicher eine Dunkelziffer gibt, da bei Mädchen oft die Hyperaktivität nicht so ausgeprägt ist.
Einzelne ADHS-Symptome & Eigenschaften stellen noch keine Krankheitszeichen dar. Für eine Diagnose ist es maßgeblich, ob es zu einer einschneidenden Einschränkung der Lebensqualität und der Teilhabe am öffentlichen Leben in mindestens 2 Bereichen (Schule, Familie, Kindergarten, Beruf) kommt.

 

➡️Schon im Jahre 1845 beschrieb der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann im Struwelpeter einige ADHS-Verhaltensweisen (Zappel-Philipp, Hand-guck-in-die-Luft). Er sah es jedoch als Erziehungsproblem und nicht als psychische Störung.

 

👧🧒Ich habe sehr oft Kinder in meiner Praxis die, neben der Hyperaktivität, einige der oben genannten Störungen zeigen. Auffällig ist dabei, dass alle Kinder eine schlechte Haltung, also eine Haltungsschwäche zeigen, und es für sie schon eine große Herausforderung ist, nur aufrecht zu sitzen. Wie soll das Kind entspannt die Hausaufgaben machen, wenn es nur mit dem Sitzenbleiben beschäftigt ist.
An diesen Defiziten in der Grobmotorik kann man in der Physiotherapie sehr gut arbeiten und in der Kombination mit Entspannungstechniken (um auch mal zur Ruhe zu kommen) und Übungen für die Verbesserung der Körperwahrnehmung (wenn das Kind sich gut spürt, dann kann es sich auch besser bewegen) habe ich schon gute Erfolge mit den Kindern gehabt. Für die Eltern bringt das meist eine große Erleichterung, vor allem auch, weil sie feststellen, dass alles miteinander zusammenhängt und man nicht ganz hilflos ist.

Ich mag die Arbeit mit den Kindern sehr gern, denn sie zeigen eine große Vielfalt und somit viele Möglichkeiten, bei denen ich ansetzen kann. ❤️🧡💛💚💙💜🤎

I wie Inklusion

Inklusion beschreibt, wie wir als Mitglied in unserer Gesellschaft leben möchten: in einem Miteinander, wobei keine Person ausgeschlossen wird.
Jeder Mensch ist hier ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft.
Unabhängig von der Herkunft, Behinderung, sexueller Orientierung oder Lebensalter. Alle Menschen sind verschieden und einer kann vom anderen nur lernen. Die Gesellschaft profitiert vor allem von der Vielfalt jeden Einzelnen. ❤️🧡💛💚💙💜🤎🖤🤍

Bei der Inklusion geht es auch darum, dass alle Menschen in einer Gesellschaft gleichberechtigt nebeneinander leben können.
Menschen mit Behinderungen sollen genauso dazugehören, teilhaben und selbst bestimmen können – von Geburt an und in allen Lebensbereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen und Freizeit.
Inklusion ist ein Menschenrecht und als solches in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geregelt.

 

🌟Für mich ist es immer wieder traurig anzuschauen, dass zwar die Therapien im Kindesalter bezahlt werden und ich in der Therapie dann gemeinsam mit den Eltern versuche, dem Kind so viel Selbstständigkeit wie nur möglich beizubringen, es aber später keine ausreichenden Möglichkeiten gibt, selbstbestimmt zu leben oder zu arbeiten. In diesem Bereich kommt es immer wieder zu finanziellen Kürzungen vonseiten des Staates. Da haben wir großen Nachholbedarf!

J wie jonglieren

Es war gar nicht so leicht bei J etwas zu finden 😉 die liebe Aylin hatte dann die tolle Idee und ich hab es gleich für mich selber ausprobiert. Meinen ersten Selbstversuch seht ihr hier 😉 ich werde wohl noch ein bisschen üben... 😂 aber es auf jeden Fall auch mal mit den Kindern in der Therapie ausprobieren.

 

Jonglieren kann man angeblich unter der richtigen Anleitung innerhalb weniger Minuten erlernen. Auch bei nicht so Begabten dauert es meist nur wenige Stunden bis das Jonglieren mit 3 Bällen funktioniert. Aber da heißt es dranbleiben 😊 beide Gehirnhälften müssen zusammenarbeiten – das fördert die Wahrnehmung.

In einem Stern-Artikel wird das Jonglieren bei müden und abgespannten Büroarbeitern empfohlen, um die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Es fördert die Koordination und Geschicklichkeit. Zugleich entspannt das Jonglieren, da durch die Bewegung Stresshormone abgebaut werden.
Und das Tolle ist, dass man überall jonglieren kann – egal ob Zuhause, am Arbeitsplatz oder draußen in der Natur.

 

Na bei wem von euch arbeiten die Gehirnhälften schon jetzt optimal zusammen?

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