· 

Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen

Wunderbares Buch für Eltern, aber auch um die eigene Kindheit zu reflektieren

“Dies ist kein Erziehungsbuch im engeren Sinn". "Es geht hier nicht ums Töpfchen-Training oder ums Abstillen, sondern vielmehr um die Beziehungen zu unseren Kindern und um die Frage, was einer guten Verbindung im Wege stehen und was sie verbessern kann.”

Inhalte

Schon das erste Kapitel heißt: Die Vergangenheit fällt auf uns (und unsere Kinder) zurück.

 

Es geht viel um Gefühle und wie man sich z. B. richtig streitet. Auch Themen wie Schwangerschaft werden angesprochen und die verschiedenen Elterntypen. Es geht um Bindung, Geben und Nehmen, aber auch Wutanfälle und in Dialog gehen. Das Wort Dialog empfinde ich persönlich als ein sehr schönes Wort, wenn es zu Kindern kommt.

Kapitel im Buch

Kapitel #1: Ihr elterliches Erbe

Kapitel #2: Die Umgebung Ihres Kindes

Kapitel #3: Gefühle

Kapitel #4: Das Fundament

Kapitel #5: Die Voraussetzungen seelischer Gesundheit

Kapitel #6: Verhalten: Jedes Verhalten ist Kommunikation

Reflexion der eigenen Kindheit

„Kinder tun nicht, was wir sagen: sie tun, was wir tun.”

 

Viele Erwachsene „kämpfen noch mit den Traumata ihrer Kindheit" und werden nun durch die eigenen Kinder daran erinnert. Wenn du selbst in deiner frühen Kindheit keine unvoreingenommene Liebe erlebt hast, dann wirst du es nur schwer an deine eigenen Kinder geben können.

 

Alles, was du im Alter bis 7 Jahre erlebst, ist dein Normal - deine Art, wie du Liebe siehst und empfinden kannst.

 

Nicht ohne Grund heißt es oft, dass Scheidungskinder einen kleinen Knacks weg haben (und ich weiß, wovon ich spreche), denn das Grundvertrauen wird „beschädigt“ und Kinder fühlen sich immer schuldig für das, was im Außen passiert, auch wenn sie gar nichts dafür können.

Wir bauen uns Schutzmauern auf und leben die Muster unserer Kindheit in unseren Beziehungen weiter, zumindest so lange, bis wir uns dessen bewusst werden und es anders machen. Das ist leicht daher gesagt, denn ich weiß selbst nur zu gut, wie schwierig das ist. Aber die Erkenntnis ist ein wichtiger Schritt am Wege.

 

Die Autorin bringt auch das Thema der Transgenerationalen Traumata zur Sprache. Dieses Thema finde ich persönlich auch sehr wichtig, denn ich sehe das immer wieder in der Praxis. Oft in Form von Allergien aller Art. Wenn ich höre: „Die Oma und die Tante haben das auch.“, dann geht das genau in diese Richtung. Die Wunde ist tiefer, als sie im ersten Moment aussieht. Und um diese Muster zu unterbrechen, braucht es einiges an Arbeit und Geduld mit dir selbst und deinen Liebsten.

 

Du wirst auch dein Verhalten nicht von einem Tag auf den anderen ändern, aber allein schon das kurze Innehalten oder Reflektieren im Nachhinein ist schon viel wert und wird Dinge auf Dauer verändern.

 

Woher kommt diese Emotion?

Wann habe ich das schon mal gespürt?

 

Oft reichen die Antworten in unsere eigene Kindheit zurück … Sei offen dafür und liebevoll mit dir selbst.

 

Es ist auch bekannt, dass unser Körper und unser Geist uns beschützt. Wenn du also, wie ich, nur wenige Erinnerungen und Bilder an die ersten Jahre deines Lebens hast, dann hat das einen Grund. Und du darfst dich liebevoll auf die Reise begeben und diese Gefühle erleben und neu besetzen, denn jetzt sind wir erwachsen und selbstwirksam. Keine Kindheit muss dein Leben heute regieren oder die Beziehungen zu deinen Kindern einschränken.

Die Umgebung des Kindes

Laut Autorin ist das Wichtigste in einer Familie der Umgang miteinander.

 

Hier geht es vor allem auch um das Thema Trennung der Eltern und wie die Eltern bestmöglich agieren können - zum Wohle aller Beteiligten.

Das ist ein sehr wichtiges Thema und wie schon gesagt, etwas, dass ich selbst auch erlebt habe.

 

Ich würde mir wünschen, dass Kinder mehr ernst genommen werden und in diese Prozesse einbezogen werden, damit sie eben nicht später ihre Schuldgefühle in Therapien verarbeiten müssen. In kindgerechter Sprache ist das möglich. Ich finde auch nichts schlimmer, als wenn Eltern (vermeintlich) wegen der Kinder zusammen blieben und in Wirklichkeit vielleicht nur Angst vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung oder dem Alleinsein haben.

Wie oft haben Eltern, die sich erst nach vielen Jahren der Streiterei trennen, von ihren Kindern gehört: „Ach, hättet ihr euch doch schon viel früher getrennt.” oder „Wir haben das eh schon lange gewusst/ bemerkt.”

 

Kinder werden oft für dumm verkauft und lange belogen und das empfinde ich als sehr schlimm und nicht sehr wertschätzend.

Reflexion der eigenen Gefühle

Neigst du dazu, deine Gefühle zu verdrängen?

 

Gefühle wollen, laut Autorin, wahrgenommen und anerkannt werden.

 

„Sich mit den eigenen Emotionen vertraut zu machen, ist der Schlüssel, um die Emotionen Ihres Kindes einordnen und abmildern zu können. Wenn Sie Ihre eigenen Gefühle als unwichtig abtun, werden Sie nicht in der Lage sein, die Emotionen Ihres Kindes angemessen einzuordnen.”

 

Die Autorin bringt auch immer wieder Studien und Fallbeispiele ein, etwas, das ich persönlich mag. Vor allem Fallbeispiele merke ich mir leichter als auswendig gelernte Texte.

 

Was fühlt dein inneres Kind?

 

Einfühlen statt abfertigen

 

Auch wenn du anders fühlst oder die Gefühle deines Kindes nicht nachvollziehen kannst, solltest du versuchen auf dessen Bedürfnisse und Emotionen einzugehen.

 

Alle Emotionen haben ihre Berechtigung

 

Gefühlt darf es ja nur positive Gefühle und Emotionen geben. Das ist aber illusorisch und das wissen wir auch alle. Jedes Gefühl und jede emotionale Welle möchte gelebt/ erlebt werden.

 

Lenke nicht von Gefühlen ab

 

Denn wenn du das wiederholt machst, wird dein Kind den eigenen Gefühlen und (körperlichen) Empfindungen nicht mehr vertrauen und das ist das Schlimmste, das passieren kann. Genau das bringt Erwachsene heutzutage dazu, über ihre eigenen Grenzen zu gehen und ihren Gefühlen und Empfindungen nicht zu vertrauen.

Das Fundament

Hier geht die Autorin auf die Schwangerschaft ein, denn in eben dieser wird die Basis für die Verbindung zum Baby gelegt.

Nicht ohne Grund haben Kinder, die von ihren Müttern nicht gewollt sind, ausgetragen und dann meist zur Adoption freigegeben werden, oft Probleme mit Beziehungen oder Vertrauen. Die Basis war nicht stabil und es ist schwierig, im Verlauf des Lebens zu „reparieren“.

 

Die Autorin geht hier auch auf die verschiedenen Elterntypen ein. Bist du eher ein:e Regelsetzer:in oder ein:e Ermöglicher:in? Manchmal teilen die Eltern diese beiden auch untereinander auf.

 

Auch geht die Autorin darauf ein, die eigene Geburtserfahrung im Nachhinein zu besprechen. Dem kann ich nur zustimmen, denn ich habe schon viele Mütter erlebt, denen noch Jahre nach der Geburt Tränen in den Augen standen. Versteh mich nicht falsch: Tränen sind sehr heilsam, zeigen aber, dass das Thema noch nicht ganz aufgearbeitet ist. Das ist vollkommen in Ordnung, denn sowas passiert nicht von heut auf morgen.

 

„Um für unser Kind sorgen zu können, brauchen wir auch jemanden, der für uns sorgt.” Da fällt mir gerade Irene ein, die genau das so wunderbar beschreibt und an andere Mütter weitergeben möchte. Die eigene Bemutterung, bevor ich jemanden anderen bemuttern kann.

 

In diesem Kapitel findet sich auch die Bindungstheorie. Sehr spannend zu lesen. Auch das Thema postnatale Depressionen findet Raum.

Voraussetzungen seelischer Gesundheit

Hier geht es um Kommunikation und die Reflexion des eigenen Verhaltens, z.B. Handy-Sucht und was das für einen Einfluss auf deine Kinder haben kann.

 

Auch das Thema Spielen findet hier Raum. Viele Familien verabsäumen eine Ja-Umgebung für ihr Baby bzw. Kleinkind zu schaffen.

Wenn ich als Baby ständig „Nein“, „nein“, „nein“ höre, dann ist das sehr störend für den Spiel- und Erkundungsflow und die Konzentration des Kindes.

Auch die Autorin meint, dass es nicht viel Spielzeug braucht. Da spricht sich mir aus dem Herzen, denn ich finde, dass Kinder und vor allem Babys viel zu früh, viel zu viel Zeug haben. Das ist eine enorme Reizüberflutung.

Verhalten: Jedes Verhalten ist Kommunikation

Sei deinem Kind ein Vorbild.

 

Auch ein Vorbild darf Schwächen zeigen und weinen. Du musst nicht immer stark sein oder die Heldin oder der Held sein. Sei authentisch und lebe so deinem Kind einen gesunden Umgang mit den eigenen Gefühlen vor.

 

Lerne deine Gefühle in Worte zu fassen

 

Vor allem, wenn du das aus deiner eigenen Kindheit nicht kennst. Vielleicht ist dein Kind da, um dich genau das zu „lehren“.

 

Die Autorin greift auch die Themen Wutanfälle, Quengeln und Grenzen setzen auf.

 

„Interessiere dich für Dinge, für die ein Kind sich interessiert.”

Fazit - eindeutige Empfehlung

Ich mag dieses Buch sehr, denn es ist sehr wertschätzend geschrieben. Du bekommst viele Tipps, ohne dass es belehrend wirkt. Die Autorin lässt einen nicht mit einem unguten Gefühl zurück, sondern gibt viele Lösungsvorschläge an die Hand.

 

Sehr schön ist der Vermerk auf der ersten Seite, dass es nicht nur um Eltern im klassischen Sinn, sondern um alle geht, die Bezugspersonen für Kinder sind - wie auch immer diese Beziehung zustande gekommen ist.

 

Das Einzige, das mir in der Tat nicht gefällt, ist, dass das Buch in der Sie-Form geschrieben ist. Das ist aber leider der (Strenge der) deutschen Sprache zuzuschreiben und nicht der Autorin. Denn im Englischen und vielen anderen Sprachen gibt es diese Form des formellen Sprechens gar nicht. Das schafft Hierarchien und vielleicht dürften wir uns in Zukunft mal davon trennen, um die Welt ein bisschen gerechter zu machen.

Infos zur Autorin des Buches

Phillipa Perry arbeitet seit 20 Jahren als Psychotherapeutin.

Diese Artikel könnten auch interessant sein:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0