Schuhgrößen bei Kinderschuhen: ein Leitfaden inklusive 8 Tipps für den Schuhkauf

Was macht gute Kinderschuhe aus? Worauf muss ich beim Kauf achten? Ab wann soll mein Kind Schuhe anhaben?

 

Diese Fragen bekomme ich in der Therapie häufig gestellt. Passende Kinderschuhe sind enorm wichtig für die Fußentwicklung und die spätere Rückengesundheit. Deshalb möchte ich dir einen Leitfaden an die Hand geben, der dir helfen soll, qualitativ hochwertige Schuhe in der richtigen Größe für dein Kind auszuwählen.

Warum die richtige Schuhgröße so wichtig ist

Kinderfüße sind weich, sie bestehen aus knorpeligem Gewebe und sind noch leichter verformbar. Deshalb sind sie bei falschem Schuhwerk anfälliger für Fehlstellungen – sogar zu enge Socken können dauerhaft schaden. Kinder merken nicht, wenn sie zu kleine Schuhe anhaben, weil die Nerven noch nicht vollständig ausgebildet sind. Es dauert rund 16 Jahre, bis die Entwicklung der Knochen, Bänder und Muskeln abgeschlossen ist und der Fuß seine endgültige Form und Festigkeit hat.

 

Falsche Schuhe können Durchblutungsstörungen, Haltungsschäden, Hüft- und Kniegelenksprobleme, Gleichgewichts- und Koordinationsschwierigkeiten verursachen. Zu kleine Schuhe führen zu einer veränderten Zugrichtung der Sehnen und so zu einer Verlagerung der Großzehe (Hallux valgus). Das kann Schwellungen und schmerzhafte Entzündungen zur Folge haben. Langfristig drohen Arthrosen in den Gelenken der Fußknochen. Bei zu großen Schuhen hingegen findet der Fuß keinen Halt, die Kinder krallen sich mit den Zehen fest.

Zusammenhang zwischen Fehlstellungen bzw. Fußschäden und zu kleinen Schuhen

Eine Forschergruppe aus Österreich hat über 1.500 Kinderfüße vermessen. Davon waren nur knapp 24 Prozent normal ausgebildet, rund drei Viertel zeigten Fehlstellungen. Dabei kommen 98 Prozent der Kinder mit gesunden Füßen zur Welt. Erschreckend, oder?!

 

Bei der Vermessung stellte sich außerdem heraus, dass 89 Prozent aller Haus- und 69 Prozent aller Straßenschuhe teils deutlich zu klein waren.

Was du tun kannst und was du lassen solltest

Eine gute Fußentwicklung ist wichtig für die spätere Rückengesundheit. Damit sich die Füße deines Kindes optimal entwickeln können, brauchen sie Bewegungsfreiheit. Perfekt ist viel Barfußgehen im Freien auf unbefestigtem, natürlichem Boden – verschiedene Untergründe fordern die Füße zusätzlich. Das verbessert die Fußmotorik und sorgt für einen geschmeidigeren Gang.

 

»Am Ende eines Sommertages sollten Kinderfüße dreckig sein.«

(Visual Statements)

 

Auf starre Schuhe oder Stützen verzichtest du besser. Und, ganz wichtig: Bitte stelle dein Kind nicht hin bzw. auf, wenn es von selbst noch keinen Impuls dazu zeigt. Kinder haben ihr eigenes Tempo und wenn deines soweit ist, wird es ganz von alleine die Initiative ergreifen. Mehr zu diesem Thema kannst du in meinem Artikel Babys erstes Jahr – immer schön der Reihe nach lesen.

Kriterien für gute Kinderschuhe

Unabhängig von Marke und Preis müssen qualitativ hochwertige Kinderschuhe folgende Kriterien erfüllen:

 

   Sie haben eine flexible, biegsame Sohle und sind beweglich wie der Kinderfuß selbst. Dazu kannst du den sogenannten Auswringtest machen: Die Sohle sollte sich quer und längs leicht biegen lassen.

   Du solltest den Schuh wie eine Palatschinke zusammenrollen können – von vorne bis zur Ferse. Meist ist das nur beim vorderen Teil möglich, weil die Schuhe einen versteckten Absatz haben.

   Die Schuhe haben eine rutschhemmende Sohle, was vor allem bei Geh-Anfängern wichtig ist.

   Der Schuh bietet genügend Platz für die Zehen.

Fotos: Aylin Knapp

Sind gebrauchte Kinderschuhe okay?

Es spricht überhaupt nichts gegen gebrauchte Schuhe, wenn sie nur kurzzeitig genutzt wurden. Und das ist bei kleinen Kindern ja meist der Fall, weil Kinderfüße ziemlich schnell wachsen: bei Ein- bis Dreijährigen ca. 1,5 mm pro Monat, bei Drei- bis Sechsjährigen rund 1 mm. Eine weitere Faustregel besagt: Pro 3 cm Körperwachstum werden Kinderfüße um 5 mm länger.

Was ein Kinderschuh NICHT können muss

Es gibt ein paar Dinge, die Kinderschuhe definitiv nicht können müssen:

 

   beim Laufenlernen helfen

   den Fuß stützen und stabilisieren

   dein Kind schneller zum Laufen bringen

Worauf du beim Kauf von Kinderschuhen achten solltest – 8 Tipps

Ein Forschungsprojekt zeigt auf, dass 97 Prozent der Schuhgrößen bei Kinderschuhen falsch angegeben sind und mehr als zwei Drittel der Kinder zu kurze Schuhe tragen. In den meisten Fällen ist die tatsächliche Schuhgröße bis zu zwei Nummern kleiner als die angegebene. Wenn du die nachfolgenden Tipps beherzigst, bist du beim Schuhkauf auf der sicheren Seite:

 

1.    Geh am besten erst nachmittags Schuhe kaufen – Füße schwellen nämlich im Laufe des Tages meist ein wenig an.

2.    Vermiss beide Füße deines Kindes und fertige Schablonen an. Auch wenn sie sich nur minimal unterscheiden – triff die Auswahl der Schuhe immer anhand des größeren Fußes.

3.    Achte darauf, dass der Fuß beim Messen entspannt ist und gleichzeitig Gewicht drauf ist, d.h. dein Kind sollte dabei stehen. Das ist wichtig, weil Schwerkraft den Fuß verändert.

4.    Auf den Schuh-Laufsohle-an-Kinder-Fußsohle-halten-Test kannst du getrost verzichten, denn die Schuhsohle sagt rein gar nichts darüber aus, wie viel Platz innen im Schuh wirklich ist.

5.    Genauso wenig bringt’s, wenn du die Einlage rausnimmst und an den Fuß hältst, denn manchmal sind in drei Schuhgrößen dieselben Einlagen drin.

6.    Suche Kinderschuhe nicht im Vertrauen auf die angegebene Größe aus, sondern lass sie dein Kind anprobieren.

7.    Dein Kind soll ein bisschen mit den Schuhen im Geschäft herumgehen, sofern es schon selbst gehen kann.

8.    Für den Daumentest bzw. Großer-Zeh-Test gilt: Zwischen der längsten Zehe (das kann manchmal auch die neben der großen sein) und der Schuhspitze soll ein Daumenbreit Platz sein. Kinder ziehen reflexartig die Zehen ein, sobald sie Druck spüren, lege deshalb die Finger deiner anderen Hand auf den Schuh. Bei Winterschuhen ist das selbst mit diesem Trick schwierig, weil die Schuhkappen meist so fest sind, dass sich die Zehen nicht ertasten lassen.

Kinderfüße richtig messen und optimale Schuhgröße finden

Die richtige Schuhgröße lässt sich von der Länge des Fußes ableiten – gemessen wird von der Ferse bis zum längsten Zeh. Ein Messgerät, das ich allen Eltern uneingeschränkt empfehlen kann, ist das plus12: Es misst die Fußlänge und rechnet die 12 mm Spielraum, die vor der längsten Zehe immer gegeben sein sollten, automatisch mit ein. Diese 12 mm entsprechen in etwa zwei Schuhgrößen.

 

Idealerweise ergänzt du die Messdaten aus dem plus12 um Schablonen, die du von den Füßen deines Kindes anfertigst und die die Breite der Füße skizzieren. Mithilfe der Kombination aus plus12 und Schablonen lässt sich die Fußform ideal abbilden. Auf dieser Basis wählst du die passende Schuhform aus, die für einen guten Halt wesentlich ist.

 

Bei Kindern bis sechs Jahre sollte man alle zwei Monate die Passform der Schuhe kontrollieren und die Füße vermessen. Wenn dein Kind schon älter ist, reicht es jedes halbe Jahr.

Tipps fürs Anfertigen einer Schablone

Ich weiß: Eine Schablone von den Kinderfüßen anzufertigen ist nicht immer einfach, weil es vielleicht kitzelt und dein Kind herumzappelt. Probier mal diese beiden Trick aus – die haben schon wahre Wunder gewirkt:

 

Beim Schablone-Zeichnen soll ja Gewicht auf dem Fuß sein, idealerweise steht dein Kind also. Lass es aus dem Fenster schauen und dir erzählen, was es draußen sieht – so ist es abgelenkt und du kannst schnell einmal mit dem Bleistift um den Fuß herum zeichnen.

 

Oder du machst ein Spiel daraus: Dein Kind lehnt an der Wand und du platzierst rund um den Fuß Legosteine. Nachdem es vorsichtig aus der »Legomauer« rausgestiegen ist, ohne sie zu zerstören (mach das zum Teil des Spiels), malst du die Innenränder ab.

 

Es geht überhaupt nicht darum, jeden einzelnen Zeh ganz genau zu erfassen. Wichtig ist, dass der längste Zeh – und das ist bei manchen auch der neben dem großen – erfasst wird.

Wann dein Kind zum ersten Mal Schuhe anhaben sollte

Kinder brauchen erst Schuhe, wenn sie WIRKLICH selbst frei gehen können. Perfekt ist, wenn die ersten Gehversuche immer barfuß erfolgen. Beim Barfußlaufen werden die Fußmuskeln trainiert und gekräftigt, der Gleichgewichtssinn und die Koordination gefördert und der Gang sicherer.

 

Beim Laufenlernen sollen die Schuhe nicht stützen, wie man früher meinte. Der Mythos unserer Großeltern, dass Kinder zum Laufenlernen Schuhe brauchen, ist längst widerlegt. Nach rund vier Wochen gehen Kinder längere Strecken allein – erst dann kommen Schuhe für draußen zum Einsatz und sind auch nur wichtig, um vor Verletzungen, Schmutz, Nässe und Kälte zu schützen.

 

Jetzt hast du alle relevanten Informationen an der Hand, um die passenden Schuhe in der richtigen Größe für dein Kind zu kaufen. Ich wünsche dir viel Spaß beim Auswählen und wenn du Fragen oder Anmerkungen hast, lass es mich gerne unten in den Kommentaren wissen.

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