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Tragen ist gesund

Interview mit Trageberaterin Christina Jauk-Küberl

Verena: Christina, warum tragen wir eigentlich unsere Kinder?

 

Christina: Weil der Mensch ein Tragling ist. Das Menschenbaby ist kein Nesthocker oder Nestflüchter, sondern ein Tragling. Und der Tragling hat das elementäre Grundbedürfnis von seiner Bezugsperson getragen zu werden. Das klingt ganz niedlich und süß, aber der Begriff Tragling ist ein Begriff der Biologie. Die Menschenbabys sind auch aus anatomischer Sicht dazu geschaffen, getragen zu werden - es ist für sie also essenziell, dass sie getragen werden. Wenn wir es aus psychologischer Sicht betrachten, dann wissen wir auch, dass die Bindung zum Baby durch den Hautkontakt ganz stark gefördert und aufgebaut wird. Deshalb muss das Menschenbaby getragen werden. Es kann sich ja auch am Anfang noch gar nicht selbst bewegen, es würde nicht mal vom Krankenhaus nach Hause kommen, wenn wir sie nicht tragen würden, weil das Menschenbaby motorisch noch keine Fähigkeiten hat am Anfang allein zu gehen.

 

Verena: Und wie trage ich mein Kind dann richtig?

 

Christina: Ganz wichtig ist immer, dass wir beim Tragen drauf achten, dass die Kinder eine ganz spezielle Haltung einnehmen – diese Haltung ist die sogenannte Anhock-Spreizhaltung und diese Anhock-Spreizhaltung bringen die Kinder von Anfang an mit als angeborene Reaktion. Sie nehmen automatisch diese Haltung ein, wenn wir unsere Babys von irgendwo aufheben. Diese Anhock-Spreizhaltung ist ganz wichtig für die Reifung des Hüftgelenks. Das Hüftgelenk bei Säuglingen ist noch weich und es braucht einen ganz speziellen Einstellungswinkel, dass der Hüftkopf optimal in der Hüftpfanne sitzt und diesen nehmen die Kinder beim Tragen automatisch ein. Und wichtig ist auch, dass die Kinder in einer Position getragen werden, die für ihre Wirbelsäule gut ist. D. h. die Wirbelsäule darf eine leichte Rundung einnehmen.

 

Verena: Ab wann darf man sein Baby tragen?

 

Christina: Grundsätzlich darf ich mein Baby ab dem ersten Tag tragen. Wichtig ist nur, dass die Mama auch gut auf ihren Körper hört. Ich bin eine Riesenverfechterin von Wochenbett und die Mamas müssen unbedingt Wochenbett halten, aber das ist auch ein guter Zeitpunkt für die Papas zum Baby tragen. Wenn sich alles gut eingespielt hat, das Stillen, der Alltag mit dem Baby, dann darf man auch mal ausprobieren, ob das Tragetuch oder die Tragehilfe schon was ist.

 

Verena: Ist das Baby beim Tragen nicht ZU aufrecht?

 

Christina: Das ist eine Frage, die sehr oft gestellt wird. Das Gewicht des Köpfchens kann beim Tragen immer am Dekolleté der Eltern oder der tragenden Person abgelegt werden.

Weil wir wissen, dass der Mensch ein aktiver Tragling ist, darf diese aufrechte Position von Anfang an sein, weil der schwere Kopf abgelegt werden kann und weil wir wissen, dass die angehockte Position der Beine ganz gesund fürs Hüftgelenk ist.

 

Verena: Wie lange darf die Mama am Stück tragen?

 

Christina: Im Grunde gibt es kein zu viel. Wenn die Babys richtig getragen werden, die Haltung entwicklungsunterstützend ist und der Körper der Mama das auch nach der Geburt schon gut kann, dann dürfen die Kinder auch den ganzen Tag getragen werden. Wichtig ist da, dass man als Eltern auch gut auf seinen eigenen Körper hört und auch Pausen macht, wenn man das Gefühl hat, dass es zu anstrengend wird. Und die Babys sagen auch, wann es genug ist. Wenn sie älter werden und sich bewegen wollen, dann geben sie ganz deutlich Zeichen, dass es auch mal stopp ist und jetzt spielen und bewegen an der Reihe ist.

 

Verena: Und weil du das Wochenbett angesprochen hast – wie lange muss die Mama nach der Geburt warten?

 

Christina: Das hängt ganz stark davon ab, wie es der Mama geht. Da würde ich mich auf die eigene Hebamme und ihre Empfehlung verlassen. Da gibt es eine lustige Regel. „Eine Woche im Bett, eine Woche auf der Couch, eine Woche neben der Couch.“ Danach das ist wahrscheinlich eine gute Zeit mit dem Tragen zu starten. Aber ich würde es immer ganz ganz individuell von der eigenen Situation abhängig machen.

 

Verena: Ab wann darf man das Baby am Rücken tragen?

 

Christina: Da gibt es eigentlich keine feste Regel. Grundsätzlich ginge es schon sehr früh im Tragetuch. In der Tragehilfe ist es wichtig, dass die Kinder stabil im oberen Rücken sind. Das kann ich selbst testen, indem ich mein Baby nur mit einem Arm stütze, wenn ich es am Arm trage. Geht das schon gut, dann ist es stabil. Geht das noch nicht, dann ist es noch zu früh. Ich mache es ganz gern davon abhängig, ob den Eltern das Kind vorm Bauch zu schwer wird. Wenn die Eltern das Gefühl haben, sie sehen ihre Füße nicht mehr, die Mama spürt's im unteren Rücken, der Beckenboden meldet sich – das sind eindeutige Zeichen dafür, dass das Kind am Rücken getragen werden sollte. Ich würde es also eher vom Gewicht vom Baby abhängig machen. Zwischen 6 und 8 Kilo Babygewicht darf man da mal dran denken.

 

Verena: Was ziehe ich dem Baby beim Tragen an?

 

Christina: Wichtig ist, dass das Baby nicht zu heiß bekommt. In der Regel wird es sehr warm. Ihr seid zwei Heizkörper, die aneinandergeraten – Baby macht warm, Mama oder Papa machen warm. Eine Schicht weniger ist die Faustregel. Herinnen würde ich es einfach mal mit Body und Hose probieren und draußen je nach Witterung. Aufpassen muss man vor allem auf Sonnenschutz. Die Eltern haben das in der Regel sehr gut im Gefühl, wie warm das Kind eingepackt werden muss, aber man muss im Sommer auch sehr gut auf die Sonne achten.

Worauf ich im Winter noch achten muss: Dass das Baby wenn´s kalt ist unter der eigenen Jacke getragen wird, damit die Körperwärme das Baby gut aufwärmen kann. Da gibt es Tragejacken und Cover, die man anziehen kann.

 

Verena: Viele Eltern sagen: "Mein Baby will unbedingt was sehen. Darf ich dann auch mit dem Gesicht nach vorn tragen?"

 

Christina: Am Arm sehr gern. Babys am Arm zu tragen mit dem Blick nach vorn ist auch für ihre Entwicklung ganz wichtig.

In der Tragehilfe oder im Tragetuch würd ich es nicht machen. Da bietet sich die Alternative auf der Seite an. Man kann mit dem Ringsling, im Tragetuch oder auch mit einigen Tragehilfen auf der Seite tragen und die Kinder sehen auf der Seite eigentlich genauso viel, wie sie sehen würden, wenn ich sie nach vorne gerichtet tragen würde.

 

Verena: Kann man beim Tragen prinzipiell etwas falsch machen?

 

Christina: Solange man auf die Signale von seinem Körper und die Signale des Babys achtet – eigentlich nicht. Wichtig ist eben immer, dass die Babys in die Anhock-Spreizhaltung kommen, der Rücken leicht gerundet ist und dass das Köpfchen gut gestützt ist. Dann kann ich eigentlich wenig falsch machen. Wenn das Baby unruhig wird, dann ist das oft ein Zeichen dafür, dass man vielleicht noch was an der Situation verändern muss.

 

Verena: Was ist mit Babys die irgendeine Erkrankung (Bsp. Trisomie 21) oder Beeinträchtigung (Bsp. Schiene zur Klumpfußbehandlung) haben?

 

Christina: Geht grundsätzlich auch. Da empfiehlt sich mit der Therapeutin und der Trageberaterin zusammenzuarbeiten, damit man eine perfekte Lösung findet. Grundsätzlich spricht mal nichts dagegen, sofern ich sicherstellen kann, dass das Baby z.b. bei einem Herzfehler oder bei Trisomie 21 gut Luft bekommt. Da muss man ein bisschen mehr drauf achten, weil die Kinder ein bisschen mehr Stütze brauchen und man noch mehr auf eine gute Durchblutung bei den Beinchen achten muss.

 

Verena: Was macht für dich persönlich eine gute Tragehilfe aus? Weil viele das Tragetuch zu schwierig und aufwendig finden.

 

Christina: Eine gute Tragehilfe lässt sich immer an das Baby und die tragende Person stufenlos einstellen. Es ist ganz ganz wichtig, dass es nicht nur Einstellung 1 oder 2 gibt, sondern ein stufenloses Mitwachsen und stufenloses Verstellen möglich ist. Und idealerweise hat die Tragehilfe auch noch ein diagonal-elastisches Material – so wie ein Tragetuch auch, damit der Rücken der Kinder leicht rund werden darf. Wichtig ist, dass es bequem ist. Die beste Tragehilfe ist die, die für alle Beteiligten am bequemsten ist.

 

Verena: Also gibt es in deinen Beratungen keine „Sieger-Trage“, die immer wieder genommen wird?

 

Christina: Nein, die Lieblingstragehilfe gibt es eigentlich nicht. Es ist so wie mit Schuhen – jeder mag andere Schuhe gern, jeder braucht einen anderen Schnitt und da gibt es einfach nicht DIE beste.

 

Verena: Eltern bekommen oft zu hören, dass sie ihr Kind zu sehr verwöhnen, wenn sie es ständig durch die Gegend tragen. Was meinst du dazu?

 

Christina: Man hört das sehr oft. Ich find da auch ganz wichtig zu wissen, dass getragen werden ein Grundbedürfnis unserer Kinder ist. Aus dem Aspekt heraus, dass der Mensch ein Tragling ist, gibt es eigentlich keinen Grund das als verwöhnen zu sehen. Kinder mit körperlicher Nähe verwöhnen kann man nicht. Wir kennen uns selber: wenn unser Partner uns das Umarmen verwehren würde, dann sind wir echt grantig. Und so geht es auch den Babys. Das Verwöhnen gibt es eigentlich nicht. Die Kinder brauchen ganz viel Hautkontakt und den darf man ihnen guten Gewissens auch geben.

 

Verena: Wenn die Eltern jetzt eine Trageberatung brauchen – wie läuft das Ganze ab?

 

Christina: Eine Trageberatung dauert in der Regel 1 ½ -2h. Sie findet entweder bei den Eltern zu Hause oder im Beratungsraum statt. Die Trageberaterin bringt Tragehilfen, Tragetücher und auch eine Übungspuppe mit. Mit der Puppe kann man zuerst auch üben und herausfinden, was ist für mich angenehm, was mögen die Eltern gern, was passt zur Situation. Wenn ich mit dem Hund im Wald spazieren gehen will brauch ich vielleicht was anderes, als wenn ich es immer nur im Haushalt brauch. Und wenn man dann eine Variante für sich ausgesucht hat, dann kann man es mit dem Baby ausprobieren. Und die Trageberaterin schaut, dass das alles gut funktioniert und für alle Beteiligten gut ist.

 

Verena: Danke Christina für dieses Interview und das du dir die Zeit genommen hast.

 

Christina: Sehr gern, ich hab mich sehr über die Einladung gefreut!

 

 

Meine Gesprächspartnerin war Christina Jauk-Küberl.

Sie ist Trainerin der Die Trageschule® und zertifizierte Kangatrainerin.

Nähere Informationen findet ihr unter www.gluecklichtragen.com

Wenn ihr noch Fragen habt, dann stellt sie gern in den Kommentaren...


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