Liebe Eltern,
wahrscheinlich fragt ihr euch, warum wir Kinderphysiotherapeut:innen so hartnäckig sind und das Krabbeln in den Vordergrund stellen, wo ihr auf das freie Sitzen und die ersten Schritte wartet.
Ich sage euch gleich zu Beginn etwas, das ihr von einer Kinderphysiotherapeutin vielleicht nicht erwartet: Krabbeln ist kein Pflicht-Meilenstein. Es steht in keiner offiziellen Checkliste als Schritt, den jedes Kind machen muss.
Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat es 2022 sogar ganz aus ihrer Meilenstein-Liste gestrichen.
Und die deutschsprachige Entwicklungsforschung sagt es genauso deutlich: Manche Kinder robben, rollen oder rutschen auf dem Po und gehen direkt ins Laufen über. Sie holen alles auf. Ein Kind, das nicht krabbelt, ist nicht automatisch ein Kind mit einem Problem.
Trotzdem stelle ich fast in JEDEM Erstgespräch dieselbe Frage: Ist dein Kind gekrabbelt?
Das klingt nach einem Widerspruch. Ist es nicht. Ich frage nicht, weil ich ein fehlendes Häkchen auf einer Liste suche. Ich frage, weil das Wie und das Warum entscheidend ist.
Ob ein Kind krabbelt, sagt wenig. Wie es krabbelt, und warum es das Krabbeln auslässt, sagt viel.
Ich habe schon oft den Satz gehört: „Ich bin ja auch nicht gekrabbelt und mir geht es gut.“ Stimmt oft.
Viele Nicht-Krabbler entwickeln sich völlig unauffällig.
Aber in meinen 25 Jahren Therapie sehe ich eine Gruppe, bei der das ausgelassene Krabbeln das erste sichtbare Zeichen für etwas anderes war, das darunter lag.
Die folgenden sieben Punkte sind deshalb keine Drohung, was passiert, wenn dein Kind nicht krabbelt. Sie sind eine Landkarte, was ich beobachte, wenn ein Kind krabbelt, und woran ich hinschaue, wenn es das nicht tut.
Was zeigt mir das Krabbeln also, und worauf schaue ich?
Grund #1: Krabbeln ist es die beste Vorbereitung für das spätere freie Gehen
Die alternierenden Bewegungen beim Krabbeln sind dieselben, wie beim Gehen und somit ein wunderbares Training.
Jedes Kind, das krabbelt, sollte ein sicheres Gangbild haben, denn Gleichgewichtsreaktionen und Muskelkraft werden während dieser "Trainingsmonate" beim Krabbeln geschult.
Grund #2: Krabbeln als Kräftigung
Beim Krabbeln kräftigt das Kind optimal seinen Rumpf und den Schultergürtel - etwas, für das wir ins Fitnessstudio gehen müssen 😊.
Ich erlebe immer wieder Kinder mit Haltungsschwächen, die als Baby nicht gekrabbelt sind.
Wichtig ist die Reihenfolge: Nicht das ausgelassene Krabbeln hat die Haltungsschwäche verursacht. Sondern die Schwäche im Rumpf war oft schon da, und das Kind hat das Krabbeln übersprungen, weil ihm die Kraft dafür fehlte. Das Nicht-Krabbeln war das Symptom, nicht die Ursache. Genau deshalb schaue ich hin.
Grund #3: Krabbeln ist die erste echte Überkreuz-Koordination
Beim Krabbeln bewegt das Kind zum ersten Mal die eine Körperhälfte gegen die andere: rechte Hand, linkes Knie, und umgekehrt. Es muss dabei ständig die Körpermitte überkreuzen. Diese Fähigkeit braucht es später bei fast jeder komplexen Bewegung, auch beim Schreiben, wo die Hand über die Mitte auf die Gegenseite geht.
Ich schreibe hier bewusst nicht, dass Krabbeln die Gehirnhälften „verschaltet“ oder aus einem Nicht-Krabbler einen schlechten Leser macht. Diese Idee hält sich seit den 60er-Jahren, belegt ist sie nicht.
Was ich beobachte, ist konkreter: Kinder, denen das Überkreuzen der Mitte schwerfällt, fallen oft schon in der Krabbelphase auf. Es zeigt mir also früh, wo die Koordination noch hakt.
Grund #4: Feinmotorik
Beim Krabbeln ist der Druck auf die Hände sehr wichtig für die Entwicklung der Feinmotorik und somit später auch für das Schreiben.
Oft sehe ich bei Babys, die nicht krabbeln wollen, dass die Wahrnehmung der Hände eingeschränkt ist und sie die Hände gar nicht so gern "nutzen".
Das sind dann auch die Kinder, die sich (die Hände) nicht wirklich schmutzig machen wollen und niemals mit den Fingern essen würden.
Massage der Hände und Arme bringt hier Abhilfe und man sieht schnell, dass das Krabbeln gar kein Thema mehr ist.
Grund #5: Gleichgewichtsreaktionen
Krabbeln ist es wichtig für die Ausbildung des Gleichgewichts.
Was für uns von außen nach keinem großen Schritt aussieht, ist für das Kind eine Meisterleistung, denn immer wieder muss es das Ungleichgewicht ausgleichen und sich mit der Schwerkraft auseinandersetzen.
Kinder, die immer nur mittig im Langsitz oder Zwischenfersensitz sitzen und sich dann gleich hochziehen, haben oft schlechte Gleichgewichtsreaktionen und fallen später oft auf die Nase - ohne sich mit den Händen abzustützen.
Grund #6: Abbau der Reflexe
Durch das Krabbeln werden die frühkindlichen Reflexe abgebaut, die in dem Alter nicht mehr nötig bzw. hinderlich sind.
Ein Fortbestehen eben dieser Reflexe kann auch der Grund dafür sein, wenn dein Kind noch nicht krabbelt.
Grund #7: Haltungsschulung
Krabbeln ist es die beste Vorbereitung für die aufrechte Haltung, verhindert spätere Haltungsprobleme und Rückenschmerzen schon im Jugendalter.
Das monatelange Krabbeln ist ein super Training für die Rumpfmuskulatur und alle Aufrichtungsmuskeln.
Sobald ein Kind steht und läuft, gleicht es vieles aus, und darunterliegende Schwächen verschwinden aus dem Blick. Im Krabbeln sind sie noch sichtbar.
Warum ICH trotzdem immer nach dem Krabbeln frage
Ich frage nach dem Krabbeln, weil ausgelassenes oder auffälliges Krabbeln zu den frühesten Hinweisen gehört, die ich habe wenn ich ein Kind behandle. Ein Kind, das nur einseitig krabbelt, sich nur wegschiebt, oder das Krabbeln komplett überspringt und dabei wenig Körperspannung zeigt, erzählt mir mit dieser Bewegung etwas über Rumpf, Tonus, Reflexe und Koordination.
Interessanterweise sind es gerade die asymmetrischen Krabbelmuster, die auch die kritischsten Fachstimmen als mögliches Zeichen für eine ungleiche Entwicklung gelten lassen.
Der Kinderarzt oder die Kinderärztin bei der U-Untersuchung fragt: Bewegt sich das Kind fort? Kommt es voran? Das ist die richtige Frage für eine Vorsorge.
Ich stelle eine andere: Ist dein Kind gekrabbelt? Ab wann und wie lange?
Beide Fragen sind berechtigt, sie schauen nur auf Verschiedenes.
Deshalb bleibt meine erste Frage dieselbe, auch wenn Krabbeln offiziell kein Meilenstein mehr ist:
Ist dein Kind gekrabbelt? Nicht, weil ich ein Häkchen brauche.
Sondern weil deine Antwort mir hilft, die wenigen Kinder früh zu finden, die einen zweiten Blick brauchen, bevor der Stand alles überdeckt.
Was kann ich tun, wenn mein Kind absolut nicht krabbeln mag?
Ich schicke z.B. alle Kinder, auch die älteren Kindern, die im Babyalter das Krabbeln ausgelassen haben, durch den Tunnel.
Außerdem mache ich gern den unterstützten Vierfüßlerstand - also Vierfüßlerstand über meinem Oberschenkel und nutze den Pezziball, um das Kind in diese Position zu bringen.
Oft bringt auch eine Ganzkörpermassage viel - in dem Fall vor allem die Hände und die Knie, denn diese Auflagepunkte werden ja hauptsächlich gebraucht. Wenn dein Baby sich besser spürt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es auch krabbeln wird.
Ich freue mich auf euer Feedback in den Kommentaren
Alles über die gesunde Entwicklung im ersten Lebensjahr
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