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Babys erstes Jahr - immer schön der Reihe nach

Jedes Baby ist bereits eine kleine Persönlichkeit, ein einzigartiges Wesen – und genauso individuell sind die jeweiligen Entwicklungsschritte im ersten Lebensjahr. Babys sind nicht vergleichbar, denn jedes hat seine ganz persönliche Geschichte, die sich auf seine Entwicklung auswirken kann. Das beginnt mit der Schwangerschaft der Mutter und endet mit der Geburt, die für das Baby eventuell ein traumatisches Erlebnis war, beispielsweise wenn es durch einen Notkaiserschnitt oder mittels Saugglocke auf die Welt geholt wurde.

Was Babys wann können

Ich weiß: Es gibt zahlreiche Tabellen und Empfehlungen, wann ein Baby sich drehen, krabbeln, sitzen und gehen können sollte. Ich persönlich halte von solchen Verallgemeinerungen recht wenig. Erstens, weil sich jedes Kind in seinem eigenen Tempo entwickelt und zweitens, weil Eltern sich durch derlei Alterstabellen verleiten lassen, ihr Baby mit anderen zu vergleichen und dann – je nach Ergebnis – eventuell verunsichert sind und sich Sorgen machen.

Reihenfolge und Qualität versus Tempo

Wirklich wichtig sind Reihenfolge und Qualität der einzelnen Entwicklungsschritte, nicht der Lebensmonat, in dem sie erstmals stattfinden. Das ist deshalb so wichtig, weil die Schritte aufeinander aufbauen – der eine bildet die Grundlage für den nächsten. Alles, was dein Baby alleine und von sich aus macht, ist gut, elterliche Eingriffe hingegen mindern die Qualität. Wenn dein Baby sich schnell entwickelt, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich gut und richtig entwickelt. Qualität geht immer vor.

 

»Gute Eltern bereiten nicht den Weg für ihre Kinder vor.

Sie bereiten die Kinder auf den Weg vor.«

(unbekannt)

 

Motorische Entwicklung in Babys erstem Lebensjahr

Im Wesentlichen erfolgt die motorische Entwicklung deines Babys im ersten Lebensjahr in 6 Schritten, die im Idealfall in genau der Reihenfolge ablaufen, die nachfolgend beschrieben ist. Dabei wechseln sich symmetrische und asymmetrische Bewegungsmuster immer wieder ab.

 

Ungefähre Altersangaben findest du nur ab und zu, weil das Tempo bzw. der jeweilige Lebensmonat wie schon erwähnt NICHT das Maß der Dinge ist, sondern in erster Linie Qualität und Reihenfolge zählen.

 

Wenn du ein Frühchen hast, gelten ohnehin nochmal gesonderte Rahmenbedingungen: Bis zum Alter von 18 Monaten (nach tatsächlichem Geburtsdatum) zieht man im Hinblick auf die motorische Entwicklung die Zeit ab, die das Baby zu früh geboren wurde. Konkretes Beispiel: Wenn es heißt, im sechsten, siebten Monat drehen sich Babys, deines ist aber zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen, dann kann es durchaus sein, dass dein Kind erst mit acht, neun Monaten Ambitionen zeigt, sich zu drehen.

Schritt #1: sichere Rückenlage und freie Kopfdrehung

In den ersten Lebenswochen fühlt sich dein Baby am Boden ziemlich »verloren«, weil es noch keine sichere Position hat. Manchmal wird das mit Unruhe verwechselt, dabei ist dieses »herumrudernde« Verhalten ganz natürlich und durch das motorische Ungleichgewicht bedingt. Herumtragen und ein begrenzendes Stillkissen geben deinem Baby während dieser Zeit Halt und Sicherheit. Mehr zum Thema Tragen findest du in meinem Blogartikel Tragen ist gesund – Interview mit Trageberaterin Christina Jauk-Küberl.

 

Rund um den dritten Lebensmonat wirst du feststellen, dass dein Baby sicher am Rücken liegt und seinen Kopf zu beiden Seiten dreht. Es steckt seine Hände in den Mund, bringt seine Hände vor dem Körper zueinander – all das sind gute Zeichen dafür, dass es seine Mitte gefunden hat. Außerdem hat dein Kind häufig die Beine in gebeugter Haltung in der Luft, im Fachjargon nennen wir das »getragene Beine«. Sie zeugen von sicherer Position in Rückenlage. Außerdem wird in dieser Position die Bauchmuskulatur gut trainiert.

Schritt #2: Drehen als erste Fortbewegung

Als nächster Entwicklungsschritt steht mit ungefähr sechs, sieben Monaten das Drehen zu beiden Seiten am Programm. Es ist die erste Art, wie sich dein Baby fortbewegt, raus aus seiner Mitte und der symmetrischen Haltung der sicheren Rückenlage.

 

Bei dieser Entwicklungsstufe machen Eltern häufig den Fehler, ihr Kind hinzusetzen und dabei zu halten (passives, gehaltenes Sitzen). Der Mutter-Kind-Pass und manchmal auch Kinderärzte sorgen hierbei zusätzlich für Verwirrung, weil impliziert wird, dass das Baby schon sitzen können sollte. Dabei ist allerdings nicht das freie Sitzen (das erst später kommt) gemeint, sondern das gehaltene, wofür es meiner Meinung nach jedoch keine Notwendigkeit gibt. Kinder, die regelmäßig passiv hingesetzt und gehalten werden, entwickeln sich oft zu sogenannten Po-Rutschern, was eine völlig unphysiologische Bewegungsform ist.

Schritt #3: Vierfüßlerstand und krabbeln

In Ratgebern wird dieser Entwicklungsphase meist ein nicht so hoher Stellenwert eingeräumt wie sie aus meiner Sicht haben sollte. Für mich ist das Krabbeln einer der wichtigsten Bewegungsschritte im Leben eines Kindes, weil hier ganz viel dranhängt: Gleichgewicht, aufrechte Haltung, Körperwahrnehmung, Feinmotorik, freies Gehen – all diese und noch andere Fähigkeiten haben ihren Ursprung im Krabbeln. Vielleicht kannst du auch beobachten, dass dein Kind mit den Händen die Füße nimmt und die Zehen in den Mund steckt. Das ist toll, denn es gelingt nur, wenn die Hüften deines Babys gut beweglich sind. Wenn du mehr über die Wichtigkeit des Krabbelns wissen willst, kannst du meinen Artikel 7 Gründe, warum dein Kind auf jeden Fall krabbeln sollte lesen.

 

Während dieser Stufe kommen häufig Gehfreis zum Einsatz – leider genau zur falschen Zeit. Diese Kinder lernen meist erst später gehen und bewegen sich dann oftmals auf Zehenspitzen fort.

Schritt #4: frei sitzen

Im Alter von rund neun, zehn Monaten können viele Kinder frei und ohne Hilfe sitzen. In die Sitzposition gelangen die meisten entweder über den Vierfüßlerstand oder über die Gartenzwergposition (seitlich liegend auf den Unterarm gestützt).

 

Hier gilt dasselbe wie bei Schritt #2: Bitte setze dein Kind NICHT passiv hin und halte es, sondern lass es selbst machen.

 

Schritt #5: hochziehen und seitlich gehen

Als Nächstes fangen die Kleinen an, sich an Gegenständen und Möbelstücken hochzuziehen und seitlich zu gehen. Das seitliche Gehen ist sehr wichtig: Einerseits für die Aufrichtung, andererseits werden dadurch die Gesäßmuskeln so richtig aktiviert.

 

Wie bei allen Entwicklungsschritten heißt es auch hier: Nicht du sollst dein Kind hinstellen, sondern dein Kind soll die Höhe alleine erfahren und zwar genau dann, wenn es selbst dafür bereit ist.

»Über einen Graben, den das Kind ohne Gefahr aus eigener Kraft überspringen kann,

darf ich es nicht hinüberheben.«

(Christian D. F. Dinter)

Schritt #6: freier Gang

Und dann, meist im Zeitfenster von 12 bis 18 Monaten, ist es soweit: Dein Kind kann frei gehen. Wenn sich dieser Entwicklungsschritt abzeichnet, solltest du dem Reflex widerstehen, deinem Kind deine Hand anzubieten – schließlich soll es lernen, sein Gleichgewicht zu halten.

 

Wobei Hilfsmittel beim Gehen-Lernen durchaus okay sind, aber besser als deine Hand eignet sich dafür ein Gehwagen oder ein Stuhl. Wenn du euren Bodenbelag schützen willst, stülpe doch einfach Söckchen über jedes Stuhlbein. Du kannst deinem Kind außerdem helfen, indem du die Möbel so platzierst, dass es sich daran selbst von A nach B hangeln kann. Und es unterstützen, indem du die psychische Komponente ins Spiel bringst: »Juhu, das hab ich ganz allein geschafft!«

Wie du dein Baby unterstützen kannst und was du NICHT tun solltest

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie du dein Baby in seiner motorischen Entwicklung fördern und unterstützen kannst, ohne dabei aktiv in seine Bewegungsabläufe einzugreifen:

 

    Lege dein Baby von Anfang an auch auf den Bauch und lege dich am besten dazu, das motiviert dein Kleines ungemein.

    Lass dein Baby nicht zu lange in derselben Position liegen, sondern wechsle immer wieder mal vom Rücken auf den Bauch und umgekehrt.

    Um deinem Neugeborenen vor allem in den ersten drei Monaten die benötigte Sicherheit zu geben, kannst du ein Stillkissen als Begrenzung rund um dein Baby platzieren. Damit hilfst du ihm, dass es sich außerhalb des geschützten, engen Mutterleibes nicht »verloren« fühlt und sich durch den Moro-Reflex immer wieder selbst aufweckt.

    Gib deinem Baby die Zeit, die es braucht, um einen Entwicklungsschritt nach dem anderen zu durchlaufen – in seinem ganz individuellen Tempo und ohne aktiv einzugreifen (z.B. durch Hinsetzen oder -stellen).

    Denke immer daran: Qualität in den Bewegungsabläufen kommt vor Quantität bzw. Schnelligkeit – alles was dein Baby alleine macht, ist gut, während elterliche Eingriffe die Qualität mindern.

»Allein das Kind weiß, was seiner Entwicklung not tut.«

(Maria Montessori)

Was du besser NICHT tun solltest, wenn du möchtest, dass sich dein Kind richtig entwickelt und gleichzeitig Konsequenzen vermeiden willst, die sich erst später bemerkbar machen können:

 

    Etwas beschleunigen wollen, indem du dein Kind hinsetzt oder hinstellst – ein Baby will erst dann sitzen oder gehen, wenn es selbst soweit ist.

    Dein Baby mit anderen vergleichen. Jedes Kind ist einzigartig – sowohl als menschliches Wesen als auch in seiner individuellen Entwicklung.

    Dein Kind an deiner Hand gehen lassen, wenn es gerade erst gehen lernt – es soll selbst lernen, sein Gleichgewicht zu halten.

Bei welchen Anzeichen du mit deinem Baby zur Physiotherapie gehen solltest

So individuell die Entwicklungsschritte bei jedem einzelnen Baby auch sind, so gibt es doch ein paar Anzeichen, bei deren Auftreten du mit ihm zur Physiotherapie gehen solltest:

 

    Wenn dein Baby keine Nähe ertragen kann oder so gar nicht kuscheln mag.

    Wenn dein Baby übermäßig viel weint.

    Wenn das Stillen nicht gut funktioniert.

    Wenn dein Baby an bestimmten Körperteilen nicht berührt werden möchte, wie zum Beispiel an Kopf, Hals oder den Füßen.

    Wenn dein Kind im Alter von einem Jahr noch nicht alleine sitzen kann.

    Wenn du in den Bewegungen eine Asymmetrie feststellst oder sie bei den Füßen sichtbar ist.

    Wenn dein Baby einer Seite den Vorzug gibt, sich also zum Beispiel immer nur über links dreht.

    Wenn dein Kind Entwicklungsschritte überspringt, es beispielsweise viel steht bevor es sich alleine aufsetzen kann.


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